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„Erscheinungen nicht entscheidend“
Direktor
Thomas Maria Rimmel über religiöse Hintergründe und spirituelle Formen in
Wigratzbad
15.08.2006
Wigratzbad (ins).
Vor 70 Jahren gründete Antonie Rädler in Wigratzbad eine Gebetsstätte, vor 30
Jahren entstand die Sühnekirche, seit 20 Jahren gibt es dort eine
Rosenkranzbruderschaft. Die Gebetsstätte Maria vom Sieg in Wigratzbad feiert
2006 ein mehrfaches Jubiläumsjahr. Über die besondere Ausstrahlung dieses
Ortes, über religiöse Hintergründe und über die Menschen, die das
architektonisch moderne Gotteshaus besuchen, sprachen wir mit dem Direktor der
Gebetsstätte, Thomas Maria Rimmel.
Herr Rimmel, eine halbe Million Menschen besuchen jährlich die Gebetsstätte in
Wigratzbad. Was suchen die Besucher der Sühnekirche, das sie in ihren
Heimatgemeinden nicht finden?
Thomas Maria Rimmel: In den Pfarreien findet die ordentliche Seelsorge statt. Es
geht um die Begleitung der Gläubigen von der Geburt bis zum Tod. Vorbereitung
und Spendung der Sakramente wie Taufe, Erstkommunion, Firmung oder Trauung bis
hin zu Haussegnungen und Beerdigungen. Wigratzbad stellt eine Ergänzung dar.
Die Kirche betrachtet Wallfahrtsorte mit ihren Charismen immer als außerordentliche
Gnadengaben. In Wigratzbad ist es die Verehrung der Gottesmutter unter dem Titel
der „Unbefleckt empfangenen Mutter vom Sieg“. Auf ihre Fürsprache vertrauen
die Pilger. Die Besucher von Wigratzbad sind dankbar, dass die Gebetsstätte
versucht, insbesondere die Wünsche der Gottesmutter von Fatima zu erfüllen.
Dazu gehören etwa das Rosenkranzgebet und der Herz-Mariä-Sühnesamstag. Außerdem
übt natürlich das Angebot an Einkehrtagen und Exerzitien eine Anziehungskraft
aus.
Sind es besondere Anliegen, die die Gläubigen hierher führen?
Rimmel: Die Menschen kommen mit ihren Nöten und Sorgen. Oft sind es familiäre
und gesundheitliche Probleme. Einen besonderen Platz nimmt die Bitte ein, dass
Kinder und Enkel zum Glauben kommen. In Gottesdiensten und gemeinsamen Gebeten
sind es die großen Anliegen der Kirche, die wir aussprechen: Friede unter den Völkern,
Einheit der getrennten Christenheit, Bekehrung der Menschen, die fern von Gott
und in der Sünde leben. Aber wir möchten bei uns selbst beginnen. Die
Bekehrung unseres eigenen Herzens ist das zentrale Gebetsanliegen von Wigratzbad.
Welche Bedeutung haben für die Wigratzbad-Pilger die Erscheinungen von Antonie
Rädler vor 70 Jahren?
Rimmel: Die Erscheinungen als solche spielen nicht die entscheidende Rolle, da
es keine besondere Botschaft gibt. Diese beschränkt sich auf den Titel
„Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg“, der von der Kirche bestätigt
worden ist. Viel entscheidender ist, dass Fräulein Antonie Rädler die Menschen
im Gebet mitgerissen und ganze Nächte mit ihnen durchgebetet hat. Daraus sind
die sogenannten Sühnenächte entstanden, die das zentrale Moment im Leben der
Gebetsstätte bilden. Deshalb trägt die große Kirche den Titel: „Herz-Jesu
und Herz-Mariä Sühnekirche“. Ein offizielles Urteil der Kirche über die
Erscheinungen von Fräulein Antonie Rädler steht bis heute noch aus. Aber im
persönlichen Gespräch vertraute der damals für Wigratzbad zuständige Bischof
Dr. Josef Stimpfle meinem Vorgänger, Monsignore DDr. Gläser an, dass er
Wigratzbad für echt hält.
Was hat es mit dem Wasser von Wigratzbad auf sich, das die Menschen in Flaschen
und Kanistern mit nach Hause nehmen?
Rimmel: Der Gnadenbrunnen geht nicht auf eine übernatürliche Erscheinung,
sondern auf eine Intuition von Fräulein Antonie zurück. Sie gab den Anlass,
nach der Quelle zu suchen und sie zu fassen. Die Diözese Augsburg hat dazu erklärt,
dass die Kirche den Gläubigen das Entnehmen und den Gebrauch von Wasser aus
Quellen und Brunnen bei oder in anerkannten Gebetsstätten niemals untersagt
hat, solange keine Gefahr von Missbrauch oder Missdeutung im Sinne magischer
Wirkung des Wassers besteht. Das gelte auch für die im Jahre 1961 auf der
Kreuzhügelanlage in Wigratzbad freigelegten Quelle. An diese Weisung halten wir
uns. Die Pilger, die Wasser mit nach Hause nehmen, sehen darin ein Segenszeichen
und eine Verbindung mit der Gebetsstätte. Festzuhalten ist, dass es sich bei
diesem Wasser nicht um Weihwasser im liturgischen Sinn handelt.
Welchen Einfluss haben die ebenfalls in Wigratzbad ansässige
Priesterbruderschaft
St. Petrus und die Gebetsstätte aufeinander?
Rimmel: Manchmal begegnet man der irrigen Auffassung, die Gebetsstätte sei mit
der Priesterbruderschaft identisch. Richtig ist, dass die Gebetsstätte seit
1976 mit der Weihe der Sühnekirche im Namen des Bischofs von Augsburg geleitet
wird. Die Priesterbruderschaft St. Petrus, die sich dem tridentinischen
Messritus verpflichtet fühlt, wie er in der katholischen Kirche bis 1968 üblich
war, hat hier erst im Jahr 1988 eine Heimat gefunden. Wir haben ein gutes
Miteinander, sind aber zwei unterschiedliche Einrichtungen mit jeweils eigener
Verantwortung. Seit ein paar Jahren besitzt die Priesterbruderschaft ihr eigenes
Priesterseminar und ist nicht mehr in unserem Pilgerzentrum untergebracht.
Allerdings nützt sie zu festgesetzten Zeiten unsere Kapellen sowie die Sühnekirche.
Auch arbeiten drei Patres in der Beichtpastoral mit, teilen die Kommunion aus,
halten Andachten und predigen hin und wieder in Gottesdiensten.
Welche spirituellen Formen machen Ihrer Meinung nach Wigratzbad so attraktiv?
Rimmel: Wigratzbad ist ein Ort, der Freude ausstrahlt. Das hängt damit
zusammen, dass wir der Versöhnung des Menschen mit Gott einen hohen Stellenwert
einräumen. Insbesondere erleben dies die Pilger in der Beichte und in der
Anbetung. Die Menschen hungern nach der Botschaft der Versöhnung mit Gott. Das
zeigt sich zum Beispiel an der feierlichen Gestaltung des Weißen Sonntags als
sogenannten Barmherzigkeitssonntag. Allein in der Spätmesse hatten wir fast
3000 Gläubige. Ähnliches gilt für unsere Pastoral mit den Kranken. In
Wigratzbad haben wir jeden Donnerstag ein Heilungsgebet mit Handauflegung durch
die anwesenden Priester eingeführt. Und der monatliche Krankentag mit
eucharistischem Einzelsegen zählt zu den Höhepunkten in unserem
Wallfahrtsleben.
Als religiöses Zentrum zieht die Gebetsstätte Menschen aus vielen europäischen
Ländern an. Wie ist das Verhältnis zu benachbarten Pfarrgemeinden und zum
anderen katholisch-christlichen Zentrum im Westallgäu, dem Missionshaus der
Comboni-Missionare in Mellatz, welches in seiner theologischen Ausrichtung weit
von Wigratzbad entfernt ist?
Rimmel: Unser Prinzip lautet „Integrieren und nicht Isolieren“. Daher ist
mir eine Öffnung der Gebetsstätte zu den Pfarrgemeinden und auch zu den Diözesen
hin sehr wichtig. Dasselbe gilt für Ordensgemeinschaften und Zentren wie das
Haus in Mellatz. Erst vor ein paar Wochen hat ein Comboni-Missionar in unserem
Haus an Exerzitien teilgenommen. So lade ich regelmäßig auswärtige Prediger
ein. Einerseits schätzen die Pilger eine solche Abwechslung, andererseits
schafft dies Brücken zu Pfarreien und Gemeinschaften. Die Beziehung zu den
benachbarten Pfarrgemeinden hat sich in den letzten zehn Jahren wesentlich
verbessert. Berührungsängste sind verschwunden, die Akzeptanz wächst.
War dies mal anders?
Rimmel: Wigratzbad ist als Privatinitiative von Fräulein Antonie Rädler
gewachsen. Das wurde zunächst als etwas Befremdliches empfunden. Das hat sich
verbessert. Und zwar dadurch, dass die Diözese vor 30 Jahren die
Filialkirchenstiftung Herz Jesu und Mariä kirchenrechtlich errichtet hat. Damit
haben sich die Vorbehalte immer mehr geklärt. Es ist erfreulich, dass immer
mehr Pfarreien Pilgerfahrten nach Wigratzbad organisieren.
Im Schriftenstand der Gebetsstätte findet sich eine Broschüre, die den
Kommunionempfang mit der Hand als „dämonisch“ bezeichnet. Wie stehen Sie
hierzu?
Rimmel: Diese Schrift befindet sich nicht im Schriftenstand der Gebetsstätte.
Falls irgendwelche Leute unautorisiert derartige Schriften auslegen, werden sie
unverzüglich entfernt. Im Übrigen ist die Gebetsstätte in das kirchliche
Leben vollkommen integriert und hält sich in allem an die geltenden Formen.
Deshalb hat in Wigratzbad auch jeder Gläubige selbstverständlich das Recht,
frei zu wählen, wie er die Kommunion empfangen will. Viele Pilger ziehen die
sogenannte Mundkommunion vor und sind außerordentlich dankbar, dass sie die
heilige Kommunion an der Kommunionbank kniend empfangen können. Auch ich persönlich
habe den ehrfürchtigen Empfang der Kommunion in Wigratzbad schätzen gelernt.
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